Sonntag, 30. Dezember 2007
Die drei wackeren Ritter
Ihre wilden Jahre waren zwar schon lange vorbei, doch so sahen sie immer noch aus.
Nun also ritten sie neben einander auf einem ausgefahrenen Feldweg, gleich neben der Benzinrossebene. Immer wenn ein Stinkelefant vorbei kam schreckten die Pferde, und die blechernen Rüstungen der Ritter fingen fürchterlich an zu klappern.
Dieses Mal führte ihr Weg in ein Reych, in dem gerade ein großes Volksfest veranstaltet wurde.
Von weitem schon hörte man die hoch zu Ross wacker-wankenden Recken daher geklappert kommen.
Die Gebeine der Pferde, so dünn wie 40er Zwirn, wackelten unter der zu tragenden Last.
Die Gäule schienen alle samt aus dem Gut Eiderbibch, wo alles staunt, dass alles noch läuft, ausgeborgt zu sein.
Die Rüstungen der Blechhelden zeigte hier und da schon rostige und mit Gemäßblech geflickte Stellen.
Die Gelenke der Rüstungen quietschten fürchterlich. Und zwar so laut, dass sie sich fortwährend anschreien mussten, wenn sie sich etwas sagen wollten, noch zu Mal die Visiere ihrer Helme ständig herunter geklappt waren, um dem Qualm und Gestank der Stinkelefanten zu entgehen.
Als die drei beim Volksfest ankamen, wollte Humorello die drei Wackeren durch heben seines rechten Armes zum Halten bewegen – es ging nicht!
Das Scharnier gab seinen Dienst auf, was seinen wackeren Gefährten Luluculos dazu verleitete, heftig auf Humorellos Arm zu schlagen.
Doch die Stifte der Scharniere mussten noch aus Vor-Ritterlichen Zeiten stammen, denn das Blech fiel auf seiner gesamten rechten Seite ab, wodurch Humorello linkslastig wurde und mit gespreizten Gliedmaßen vom Pferd kippte.
Wahrlich ein humorvoller Einstieg zum Volksfest, alles johlte und lachte.
Mit einem mordsmörderischen Krach kam er unten an. das Blech löste sich wie von Zauberhand, von seiner mageren Figur, nur der Helm wurde noch von seinem Haupte getragen.
Beschwerlich schwangen sich Luluculos und Kunstino von ihren müden Gäulen, um zu helfen.
Auch sie trugen zur Volksbelustigung bei, denn beim Aufsprung auf die Erde fielen ihre klapprigen Rüstungen von ihnen ab wie reife Birnen. Nur dass sie mehr Lärm veranstalteten als diese.
Für einen in der Nähe stehenden Schrotthändler war das natürlich ein gefundenes Fressen, wobei letzteres wohl eher rhetorisch zu verstehen sein sollte.
Nun standen die Drei im herkömmlichen Leinengewams da und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Und da waren diese auch schon:
Eine Horde wilder Kinder tanzte lachend und lärmend um sie herum, nahm sie gefangen.
Die Kinder nahmen jeweils einen Ritter in ihre Mitte und forderten mit Geschrei von ihnen, etwas über sich zu erzählen oder Kunststücke vorzuführen.
Kunstino nahm seine abgeschabte Gitarre vom Sattel seines Gauls. Und obwohl diese keine Saiten, aber immerhin noch zwei Seiten hatte, nämlich eine Vorder - und eine Rückseite, begann er ein Lied zu krächzen. Die Kinder lachten über diese musikalischen Streifzüge aus der Opernwelt.
Humorello erzählte in seiner Kinderschar abgedroschene Witze, die er im universellen Netz gelesen hatte, die aber die Kinder alle schon kannten. Auch er wurde ausgelacht.
Lulculos versuchte den Kindern etwas über Zusammengehörigkeit, Freundschaft und Familie zu erzählen.
Doch die Kinder konnten mit dem Gesagten nicht viel anfangen, ließen ihn stehen und gingen wieder ihrer Wege. Wahrscheinlich war er zu „ober-Schl-au“ herangegangen und wurde nicht verstanden.
Mit gesenktem Haupt liefen die Ritter wieder zu ihren Pferden. Einsam und verlassen standen sie nun da und wusste sich keinen Rat.
Da tauchte plötzlich ein Wanderer auf einem Maultier auf und gesellte sich zu den Rittern von der traurigen Gestalt.
„Was ist mit euch“, fragte er, „habt ihr keinen Spaß am Volksvergnügen?“
Die drei zuckten mit den Schultern.
Da sagte der Wanderer:
„Was soll´s, Ihr habt eben nicht den richtigen Ton getroffen, das soll vorkommen. Erinnert euch, wie ihr als Kinder gesprochen habt, und schon werdet ihr mit alten Späßen auf neue Art oder mit neuen Späßen auf alte Art erzählt wieder ernst genommen. Könnt ihr glauben!“
Mit einem Male stimmte Kunstino ein Lied über gute Freunde an. Humorello, Luluculos und auch der Wanderer stimmten mit ein. Sie hakten sich unter und zogen gemeinsam weiter. Ihre Zottelpferde trotteten gemächlich hinter her.
Nein, nicht der Schrottwarenhändler war der Gewinner – sie hier, die vier Freunde, gingen gemeinsam auf einem Weg zu anderen Festen, in weitere Reyche!
Die Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit existierenden Reychen sind rein zufällig...
Die Nuss - eine Kurzgeschichte
Am zweiten Weihnachtstag, der große Trubel war endlich vorbei, saß Dieter gemütlich auf der Couch im Wohnzimmer. Erika, seine Frau, war bei ihrer Freundin der Tratschtante Hilde im zweiten Stock und sie zogen wieder über Gott und die Welt her.
Wie gesagt, Dieter saß auf seiner Couch, hatte die Fernbedienung des Fernsehers in der Hand und zappte die Sender rauf und runter, in der Hoffnung etwas Interessantes zu entdecken. Plötzlich hörte er auf einem Sender, dass die Nussknackersuite gespielt wurde. Das brachte ihn auf den Gedanken Nüsse zu essen. Er aß Nüsse für sein Leben gern. Wenn er welche zwischen die Finger bekam, aß er solange bis keine mehr da waren. Aus diesem Grunde, oder besser gesagt deswegen, hatte Erika, die auch gern Nüsse aß, aber nur soviel, bis ihr Appetit gestillt war, die Objekte der Begierde ihres Mannes versteckt. Sie versteckte sie aber immer so, dass es für Dieter immer schwieriger wurde sie zu finden.
So ein Zeitpunkt des Suchens war für Dieter nun gekommen. Seine Geduld beim Suchen war grenzenlos. Jede Ecke, jeder Schieber, unter jedem Schrank, ja selbst in den Blumenvasen schaute er nach. Dieses Mal war es aber schwieriger, Erika hatte ein Versteck ausgesucht, auf das Dieter nicht gleich kam. Doch seine Ausdauer hatte sich gelohnt. Erika hatte Dieters Lieblingsnaschwerk ganz unten in ihren Strickkorb versteckt. Freudestrahlend hielt er sie hoch, schüttelte die Kiste und nickte zufrieden. Langsam öffnete er sie. Vor ihm lag nun eine große Auswahl von Nüssen, Walnüsse, Erdnüsse, Haselnüsse und Paranüsse. Für welche sollte er sich nun entscheiden. Mit dem Finger rührte er in den Nüssen herum, bis er eine Paranuss in der Hand hatte. Diese wollte er als erste essen. Er holte den neuen Nussknacker, einen aus Metall, um dem hartschalige Objekt zu Leibe zu rücken. Er drückte und drückte, stand dazu auf um den Druck zu verstärken, legte eine Seite des Nussknackers auf den Tisch und drückte mit den beiden Hände auf die andere Seite, doch die Schale der Nuss gab nicht nach. „Was nun?“ ,dachte er sich. Er kam auf die Idee, die Nuss mit dem Hammer zu öffnen. Dazu holte er aus der Werkzeugkiste im Abstellkämmerchen einen dreihundert Gramm Hammer und ein kleines Holzbrettchen. Er schob die Tischdecke etwas beiseite, legte das Brettchen darauf, nahm die Nuss, legte sie auf das Brettchen. Nun war die Nuss ja nicht gleichmäßig, sondern hatte mehr die Form eines Dreiecks. Jedenfalls blieb sie nicht so liegen, wie Dieter es wollte. Mehrere Male versuchte er sie in die richtige Lage zu bringen. Schließlich war es soweit, die richtige Position erreicht schien. Vorsichtig tippte er die Nuss mehrere Male mit dem Hammer an, um den dann den entscheidenden Schlag ausführen zu können. Dreimal wippte er mit dem Hammer, dann schlug er zu. Plötzlich schnippte die Nuss, die nicht kaputt gegangen war, von den Brettchen davon und zwar wie ein Geschoss in Richtung Aquarium. Sie durchschlug die Glasscheibe und das Wasser samt Fische ergoss sich aus dem Aquarium auf den Fußboden. Die Wasserlache erreichte die Steckverbindung der Verlängerungsschnur, die die Steckdose in der Wand mit der Christbaumbeleuchtung verband. Ein Kurzschluss war die Folge. Es wurde Dunkel. Just in dem Moment, als das alles passierte, kam Erika von ihrer Schwatzparty zurück. Hilfe suchend schrie sie in die Dunkelheit nach Dieter. Der stand noch immer unter Schock im Wohnzimmer und hörte den platschenden Fischschwänzen seiner Guppys und Blackmollis zu. Da Erika wusste wo die Taschenlampe zu suchen war, holte sie diese schnell und lief damit sofort in das Wohnzimmer. Der Lichtstrahl traf genau in Dieters entsetztes Gesicht. Dann leuchtete sie auf den Tisch und sah die geöffnete Kiste mit den Nüssen.
„Hab ich mir es doch gedacht“; rief sie.
„Sehe zu, wie du das wieder in Ordnung bringst. Ich gehe derweilen zu Hilde“, sagte sie und verschwand.
„Nie wieder esse ich Nüsse“, stöhnte Dieter und begann mit dem Aufräumen.